Wie kann Europa aus dem aktuellen Boom rund um KI, Rechenzentren und digitale Infrastruktur langfristige Wertschöpfung schaffen?
Und ist die Kontrolle über Infrastruktur tatsächlich noch der entscheidende Wettbewerbsvorteil?
Diese Fragen stellte SECLOUS-Geschäftsführer Kai Rehnelt beim Di4 Summit 2026 am 7.Sep 2026 in der Münchner Motorworld in den Mittelpunkt seines Vortrags „Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Wertschöpfung – stimmt das noch?“
Die zentrale Botschaft: Deutschland und Europa sollten jetzt die Chance nutzen, sich vom langsamen, bürokratischen Follower zum innovativen und mutigen Macher zu entwickeln.
Was wir aus dem Defense-Bereich lernen können
Innerhalb der NATO findet derzeit ein grundlegendes Umdenken statt: vom bisherigen Prinzip „Need to know“ hin zu „Need to share“. Nicht das Abschotten von Informationen, sondern deren möglichst umfassende und zugleich kontrollierte Nutzung wird zum Erfolgsfaktor.
Der klassische Perimeter-Schutz stößt dabei zunehmend an seine Grenzen. Entscheidend wird stattdessen die Interoperabilität von Daten.
Im militärischen Umfeld müssen Informationen über das gesamte Cloud-Kontinuum – von Cloud über Fog bis Edge – zwischen verschiedenen Nationen und Domänen wie Heer, Luftwaffe, Marine, Cyber und Space ausgetauscht werden. Gleichzeitig besitzen diese Daten unterschiedliche Sicherheitsklassifikationen.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb darin, Daten kontrolliert zwischen all diesen Bereichen auszutauschen, also Domänenübergänge sicher und kontrolliert zu ermöglichen. Eine Herausforderung, die sich durchaus auf die zivile Wirtschaft übertragen lässt – beispielsweise auf die zunehmende Konvergenz von IT und OT.
Aus Wissensinseln werden Wissensnetzwerke
Auch für Deutschland und Europa sollte das Ziel deshalb nicht darin bestehen, Daten einzuschließen. Vielmehr müssen wir vorhandenes Wissen besser nutzbar machen.
Dafür braucht es gemeinsame Standards für den sicheren Datenaustausch zwischen Unternehmen, Forschung, Rechenzentren und staatlichen Einrichtungen. Data-Centric Security und Zero Trust ermöglichen dabei, die Kontrolle direkt an die Daten zu binden – unabhängig davon, wo diese gespeichert, verarbeitet oder übertragen werden.
So können aus heutigen Wissensinseln unternehmensübergreifende Wissensnetzwerke entstehen. Gerade für Mittelstand und Forschung eröffnet das neue Möglichkeiten, vorhandene Daten zu nutzen, Prozesse zu harmonisieren und spezialisierte Angebote zu schaffen.
Auch die Infrastruktur selbst kann dadurch dezentraler werden: Compute muss nicht zwangsläufig in wenigen großen Rechenzentren stattfinden. Spezialisierte Edge- und Micro-Datacenter können Rechenleistung näher an Energiequellen, Unternehmen und Anwendungen bringen. Und mit ihnen wandert auch die KI näher an die tatsächlichen Nutzer.
Komplexität als Chance für Europa
Die wachsende Abhängigkeit von KI und digitaler Infrastruktur bringt neue Risiken mit sich – aber genau darin liegt auch eine große wirtschaftliche Chance.
Europa muss nicht den nächsten „Me-too“-Technologie-Stack bauen. Differenzierung kann dort entstehen, wo heutige Technologien Schwächen bei Sicherheit, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit besitzen.
Dazu gehören beispielsweise Confidential Computing und Multi-Party Computation, abgeschottete Systeme, containerisierte und kontrollierbare KI-Umgebungen sowie spezialisierte KI-Lösungen, deren Entscheidungen nachvollziehbar bleiben.
Und vor allem braucht es Security by Default: nicht als Marketingversprechen, sondern umgesetzt durch konkrete Technologien, Standards, Data-Centric Security und Zero-Trust-Architekturen.
Die Chance für Europa liegt damit nicht im Abschotten von Daten, sondern darin, sie sicher zusammenzubringen. Denn Wertschöpfung entsteht künftig dort, wo Infrastruktur, Wissen und Daten kontrolliert miteinander verbunden werden können.











